Das Märchen vom Halbwolf

Der Halbwolf war ein großer Kerl, Chef auf dem Bauernhof, also außer, wenn der Bauer rief. Ob er wirklich einen Wolf als Vater hatte, wusste niemand, aber der Bauer rief ihn schon immer so, niemand hätte ihm einen anderen Namen geben können. Seine Farbe war nicht schön, irgendwas zwischen grau und braun, und er war auch oft schlecht gelaunt und die anderen Tiere hatten Respekt vor seinem Bellen und Knurren.
Heute hatte er die Kühe auf ihre Weide getrieben, brav hinter dem vorfahrenden Trecker hinter her, dessen Tuckern er unter vielen Menschengeräuschen heraushörte. Nur einmal hatte er halbherzig nach einem Rinderbein geschnappt, normalerweise reichte schon ein kurzes Wuff, und niemand muckte auf.
Und als er am Hühnerstall vorbeigekommen war, am grünen Maschendraht des Pferchs vorbei, da waren die Hühner in eine andere Richtung gestoben. Die Hühner hatten immer noch Angst vor ihm, wahrscheinlich gluckten sie sich die alte Geschichte zu, wie er einst über den Zaun gesprungen war, nicht um ein Huhn zu verspeisen – er mochte lieber Trockenfutter mit Milch – sondern um einen Marder zu packen und so lange zu schütteln, bis er kein Marder mehr war. Drei Tage lang hatten die Hühner keine Eier mehr gelegt, aber im Gegensatz zum Marder hatten sie das alle überlebt, und im Anschluss noch mehr Angst vor ihrem Retter gehabt. Aber über so was zerbrach sich der Halbwolf nicht den Kopf. Vögel sind seltsam, fast wie Katzen.
Auch darüber, ob er heute noch in den Pferch springen könnte, dachte er lieber nicht nach. Auch Hunde werden alt, Halbwolf hin, Halbwolf her. Aber heute schien ja die Sonne, da dachte hund eh lieber nicht nach, der Halbwolf suchte sich lieber einen schicken Platz in der Sonne, und ließ sie sich auf den Pelz brennen. Langsam dämmerte er dahin, und wer weiß, vielleicht zuckten seine Pfoten, weil wieder mit einem Marder kämpfte, vielleicht träumte er von einer fast vergessenen Hündin, mit der er mal Viertelwölfchen gehabt hatte. Doch plötzlich stellten sich seine Ohren auf. Nicht viel später war der Rest von ihm auch wach. ‚Katze‘
Irgendwo im gerade eigentlich leeren Kuhstall, nein, dahinter auf einem Heuboden … der Halbwolf trottete einem Geräusch nach, das für einen Menschen auf die Entfernung sicherlich nicht zu hören gewesen wäre. Hohes, feines Maunzen. ‚Kätzchen‘
„Wuff“, halblaut bellte der Halbwolf, gab der Katzenmutter die Möglichkeit, ihre Kleinen zu verstecken – so dringend war ihm der Ärger ja nicht, aber er musste sich auch zeigen, schließlich war er der Hund auf dem Hof. Und als er um die letzte Ecke kam, sah er noch den grauen Schwanz einer Katze. Auch das noch, die Musterung war eindeutig, das war Hexe, und die hatte ihren Namen nicht umsonst. Der Halbwolf bellte nun einmal lauter, noch einmal, und dann wollte er nach erfolgreicher Hundeshow schon abdrehen, als ein Maunzen von rechts kam.
Silbergrau, mit weißen Strümpfchen, weißem Gesicht, einem kleinen grauen Flecken am Kinn, ein Kätzchen tapste mit hochgerecktem Schwanz auf den Halbwolf zu. Sein Blick war eher fragend als drohend, als er leise knurrte. Das Kätzchen kam weiter auf ihn zu, schnurrte und schaute so zuckersüß zu ihm hoch, dass irgendwas passierte, was der alte Hund nicht kannte. Er mochte nicht mehr knurren, er schnupperte. Ein kleines Köpfchen stieß gegen seine Schnauze und stupste zurück. Das Kätzchen fiel um, schaute ihn wieder an, und plötzlich, wie der Wind, verschwand es irgendwo bei seinen Geschwistern, hinter Hexes Rücken.
Einige Wochen später hatte sich das Bild auf dem Bauernhof gewandelt. Denn wo der Halbwolf hinkam, da sah man oft ein inzwischen etwas größeres silbergraues Kätzchen, die feinen weißen Söckchen immer sauber geleckt, dass dem alten Hund folgte. Unter den Tieren auf dem Hof wurde sogar gemuhhnkelt und gezwitschert, dass die kleine Graue sogar aus dem Napf des Halbwolfes schleckte, wenn der mal wieder sein Trockenfutter mit Milch bekam.
Und an diesem Abend kam sie, kaum dass der Tag vorüber war, die Kühe auf die Weide getrieben waren, und der Halbwolf sein Abendessen verdauend sich unter dem großen Baum im Hof einrollte, und sprang auf seinen Rücken. Majestätisch stakste sie über seine Seite und knetete mit ihren Krallen in das dicke Fell. Dann schnurrte sie sich langsam an sein Ohr heran, auf dem Weg, sich kurz unter seiner Schnauze in sein Fell zu kuscheln. Wie immer, wenn erfast eingeschlafen war, klang ihm ihr Schnurren wie das bedrohliche Knurren eines Widersachers, aber er hatte sich daran gewöhnt, verstand irgendwie, dass Katzen sich halt anders äußern und schloss die Augen wieder, nachdem er der Grauen einen dieser staunenden Blicke zugeworfen hatte, mit denen er sie meistens anblickte.
Das Kätzchen tastete mit weißen Samtpfoten über den Hals ihres lebenden Kissens, leckte mit seiner rauen Zunge über sein Fell. Zielgenau erspürte die Graue die lebenswichtigen Adern des alten Hundes, und er konnte nur einmal leise Knurren, bevor er schon verlöschte. Sie hatte ihm mit einem blitzschnellen Angriff die Adern geöffnet, und sprang nun von der sprudelnden roten Quelle weg. Ein paar rote Spritzer auf dem seidigen silbergrauen Fell, die weißen Söckchen knallig rot gefärbt, so stolzierte die Graue langsam vom Hof, den Schwanz stolz aufgestellt. Und so verschwand sie vom Hof und wurde nie wieder gesehen.

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Dieser Beitrag wurde am 21. Juni 2012 um 20:52 veröffentlicht. Er wurde unter Allgemein abgelegt und ist mit getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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