Heldenhaft

Vor zwei Tagen hatte das Schießen aufgehört. Und gestern waren zwei Panzer auf der einen Straße ins Dorf reingefahren und auf der anderen Seite wieder aus dem Dorf raus. Und dazwischen hatten sie angehalten, und Rudi und seine Freunde waren natürlich die ersten gewesen, die sich herangetraut hatten. Sogar der große Adi war mitgekommen, obwohl der doch am liebsten alle Amis umbringen wollte.
Die Soldaten hatten „Hallo“ gerufen, und „Hau du ju du“, aber Rudi wusste nicht, was das hieß. Und der kleine Adi, der war erst sieben, der hatte die Soldaten gefragt, ob Winnetou mit im Panzer wäre, der wäre doch auch Amerikaner. Aber Rudi war sich ziemlich sicher, dass die Soldaten das nicht verstanden hatten. Aber sie waren fröhlich gewesen, wahrscheinlich waren sie froh, dass sie nicht beschossen wurden.
„Was für ein lascher Haufen!“ hatte der große Adi später gesagt, „ein deutscher Scharfschütze hätte die piu piu einfach vom Panzer schießen können!“ Aber hier gab es keine deutschen Scharfschützen mehr, keinen mehr. Selbst die Männer, die im Volkssturm waren, waren nicht mehr hier. Ein paar waren nicht mehr im Volkssturm, Onkel Robert war im Lazarett, und keiner wusste, was mit Georg und Martin war, den älteren Jungen, die eigentlich als Flakhelfer eingezogen worden waren, und von denen keiner mehr was gehört hatte, seit es hier keine Flaks mehr gab.
Bei den Amis war auch ein Neger gewesen, und Rudi hatte so einen noch nie vorher gesehen. Er hatte ein bisschen unheimlich ausgesehen, mit großen Augen und pechschwarzer Haut, und als er gelächelt hatte, hatte Rudi auch lächeln müssen. Der große Adi hatte es nicht gemerkt. Das war gut gewesen. Die Therese, die kleine Schwester vom großen Adi, war hingelaufen, und hatte den schwarzen Mann angefasst, nur kurz, dann hatte der große Bruder sie weggezogen. Thereschen hatte wissen wollen, ob der Mann abfärbte. Rudi lächelte bei der Erinnerung.
„Siehst du irgendwas?“ – Rudi schreckte auf und wäre fast vom Baum gefallen. „Du sollst aufpassen! Trampeltier!“ – „Aber auf was soll ich aufpassen? Wenn du mir das wenigstens sagen könntest, Adi, dann wäre das auch irgendwie einfacher!“ – „Du hast deinen Befehl!“ Adi war schon wieder weg. Befehle, dachte Rudi, Befehle. Irgendwer müsste Adi wohl noch sagen, dass es kein Jungvolk mehr gibt, und dass er sein Führerabzeichen besser schnell in den Ofen werfen sollte.
Irgendwie war das komisch, der kleine Adi und der Günther, die waren traurig, weil sie den Krieg verloren hatten. Der große Adi war wütend. Irgendwie glaubte er immer noch, dass der ganz große Adi in Berlin den Krieg gewinnen könnte, den er da kämpfte. Aber Rudi glaubte nicht, dass der Führer kämpfte. Irgendwie war das mit dem Krieg anders. Im Krieg, da kämpften einfache Soldaten, wie sein Papa oder sein Onkel Karl, aber wegen beiden hatte seine Mama Briefe bekommen, dass sie heldenhaft fürs Vaterland und so weiter. Das hätte Rudi jedem sagen können, dass es echt und ganz und gar egal war, ob Soldaten heldenhaft und für Vaterland fielen, am Ende ist der Papa halt tot gewesen, und der Onkel Karl auch, und da half kein „heldenhaft“.
Rudi war nicht so richtig traurig, und wütend schon gar nicht, Rudi, der war eigentlich nur froh, wenn keiner mehr schoss und er wieder ganz normal zur Schule gehen könnte, und Bücher lesen. Das mit Winnetou hatte der kleine Adi ja auch von ihm gehabt, Rudi hatte letztes Jahr Winnetou eins bis drei gelesen, in einer Woche, und natürlich hatte er dem kleinen Adi alles erzählt, also alles, woran er sich erinnert hatte, als er die Bücher zurückgegeben hatte. Rudi fand das ja alles sehr spannend, was da gerade passierte, aber auch wenn er es noch nicht so genau hätte benennen können, irgendwie war ihm klar, dass er die spannenden Geschichten lieber las, als erlebte. Vor allem, wenn darin Menschen starben und andere gequält wurden.
Dieses Mal merkte er früher, dass sich hinter ihm etwas regte. Aber die Schritte, die da durchs Unterholz kamen, waren auch nicht Adis. Rudi glitt um den Baumstamm herum, und ein ganzes Stück über ihm im Hang waren zwei Männer, bewaffnete Männer. Amis? Rudi kletterte schnell runter und krabbelte ins Gebüsch. Er versuchte so leise wie Winnetou zu sein, sie hatten das alle geübt, sogar Adi. Und als er an Adi dachte, hörte er auch seine Stimme. Adi rief ihn. Aber Rudi hatte Angst, er wollte nie wieder etwas mit Waffen zu tun haben.
„Komisch, eben war er noch hier, er sollte Ausschau halten.“ Adi sprach mit den Männern, dann waren es keine Amerikaner. „Hast du ihm irgendwas erzählt?“ Eine hohe Männerstimme. – „Nein, ich habe ihm nur den Befehl gegeben, hier Ausschau zu halten, zu beobachten!“ – „Erzähl keine Scheiß, kleine Jungen plappern doch alles weiter!“ Das war eine zweite Stimme, tiefer, ungeduldig. „Ich bin kein kleiner Junge …“ Ein Klatschen war zu hören, Adis Stimme brach ab. „Der Kleine wird nach Hause gerannt sein, es wird bald dunkel.“ Wieder die hohe Stimme. Und dann knackten wieder Äste, die Männer und Adi gingen weiter. Rudi wartete angespannt, hielt aus, war ganz ruhig.
Gerade wollte nach Hause laufen, und dann am besten dem Adi ein paar Tage nicht vor die Nase kommen, denn das würde sonst blaue Flecken geben, aber die Neugier nagte zu sehr an seinen Eingeweiden, er schlich den drei Gestalten hinter her, so, dass er immer mal wieder einen Blick auf sie erhaschte, aber möglichst auch so, dass sie ihn nicht sahen. Rudi war so geschickt darin, sich leise zu bewegen, wie es ein Zehnjähriger nur sein konnte, und klein genug, dass er sich hinter vieles ducken konnte.
Die Männer und Adi waren wohl auf dem Weg zum Haus von Frau Fischer. Das stand allein im Wald, Nachbarn gab es da auf zwei Kilometern keine, und vorbeikommen tat da auch kaum einer. Rudi kombinierte, dass sie dort wohl Unterschlupf suchen wollten. Er hatte nur noch nicht ganz verstanden, was das alles sollte, der Krieg war doch hier in der Gegend zu Ende. Die Soldaten, die noch da waren, auch die SS-Männer und wer sonst den Befehl in den Dörfern und Städten übernommen hatte, alle hatten die Waffen gestreckt. Ob Frau Fischer wusste, dass die Männer kamen. Er überlegte kurz, ob er an den Bewaffneten vorbeikommen könnte, um Frau Fischer zu warnen. Dann fragte er sich, warum er sich so sicher sein konnte, dass die Männer Böses im Sinn hatten. Schließlich waren sie doch sicher deutsche Soldaten, oder?
Auf jeden Fall gab es keine Chance, vor den Dreien bei Frau Fischer zu sein. Rudi blieb es nur übrig, weiter hinterherzuschleichen. Er fiel ein bisschen weiter zurück, nur kein Risiko eingehen. In seinen Gedanken trug er ein Gewehr mit silbernen Nägeln, in Wirklichkeit hatte er aber nur einen Stock bei sich, von dem wenig Gefahr ausging. Es wurde langsam dunkel, aber es wurde nicht mehr geschossen, und Mama hatte vermutlich zu viel zu tun, als sich um ihn Sorgen zu machen.
Als die Männer und Adi am Haus von Frau Fischer ankamen, da war Rudi noch ein paar hundert Meter zurück, als er ankam, glücklicherweise gab es auch hier Unterholz, standen die Männer vor der Haustür, und sie hatten die Gewehre von den Schultern genommen. Rudi hielt den Atem an. Was hatten die Männer vor?
„Junge, geh ein Stück die Straße runter, und schau, ob niemand kommt!“ Adi sah so aus, als ob er widersprechen wollte, dann setzte sich sein soldatischer Geist durch. Er lief los, nur vielleicht zwei Meter an Rudis Versteck vorbei. Rudi holte leise aber tief Luft, als Adi weg war. Viel länger hätte es auch nicht gereicht.
„So, und jetzt geben Sie mir den Schlüssel, gute Frau, und überlegen Sie sich, ob es einen Ort gibt, an dem Sie ein paar Tage wohnen können.“ – „Ich habe euch schon gesagt, dass ihr verschwinden sollt. Der Krieg ist vorbei, werft eure Waffen weg und geht nach Hause!“ Frau Fischer wollte gerade ins Haus zurück, als einer der Männer, Rudi meinte, das wäre der mit der höheren Stimme, einen Schuss in die Luft abgab. Frau Fischer erschreckte sichtlich. Der andere Mann hatte seine Waffe auf sie gerichtet. „Ich befürchte, wir müssen dir da mal eine kleine Lektion beibringen, Schlampe!“ Das war der Typ mit der tieferen Stimme. Mit vorgehaltenem Gewehr stürmte er die kleine Eingangstreppe rauf und stieß Frau Fischer gegen das Geländer.
Ohne, dass die Männer sich verständigten, ging der andere näher dran, und zog seine Pistole. Er drückte Frau Fischer die Waffe gegen den Kopf. Die hielt ganz still, offenbar eingeschüchtert. Rudi konnte nicht genau sehen, was der andere Mann machte, es sah so aus, als ob er den Rock von Frau Fischer hochhob. Rudi wurde etwas rot. Was machte der da, er ließ die eigene Hose runter?
Auch wenn Rudi nicht wusste, was der Mann da tat, er hörte, wie Frau Fischer weinte, und dass es ihr wehtat. Der Mann machte komische ruckartige Bewegungen, und Rudi war irgendwie klar, dass das was war, von dem er noch nichts wissen sollte. Aber er konnte doch nicht hier bleiben und … vielleicht sollte er weglaufen, Hilfe holen, aber das würde lange dauern, und wen sollte man holen? Wer war denn da? Und gab es noch Polizei?
Als der kleine Junge mit einem Stock in der Hand und laut schreiend aus dem Busch heraussprang, ruckte der Mann mit der höheren Stimme nur mal kurz mit seiner Pistole nach links. Die Pistole knallte, das schäbige selbstgenähte Hemd des Jungen färbte sich sofort rot. „Verdammte Scheiße, du hast nen kleinen Jungen erschossen!“ Das war das letzte, was Rudi hörte. Dann war auch er heldenhaft …

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Dieser Beitrag wurde am 27. Juli 2012 um 19:04 veröffentlicht. Er wurde unter Allgemein abgelegt und ist mit , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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