Maia friert

‚Ich möchte ein Eisbär sein‘, Maia zittert, die Worte sirren durch ihren Kopf, ‚im kalten Polar, dann müsste ich nicht mehr schrei‘n!‘ Alles ist still, nur die Worte in ihrem Kopf, ‚alles wär so klar!‘
Sie schaute auf, die Psychologin hatte sie etwas gefragt, aber sie dachte nur an diesen furchtbaren Song.
„Bitte?“ – „Maia? Hörst du nicht zu? Also noch mal von vorne: Ich habe mir nach letzter Woche lange überlegt, warum du nicht mit mir reden möchtest. Irgendwo, so scheint es mir, ist in dir ein Schmerz, und wir müssen versuchen, Schicht um Schicht an diesen Schmerz heranzukommen. So kann ich dir helfen, wenn du dir von mir helfen lassen willst. Willst du das?“
Natürlich will Maia, das ihr geholfen wird. Sie nickt und sagt: „Mir ist so kalt, warum ist das hier so kalt?“ Und sie schaut die Psychologin hoffnungsvoll an. – „Es ist nicht kalt hier?! Sag mal, Maia, hast du Fieber?
Warum spricht sie jetzt von Fieber? Hat sie nicht eben noch davon gesprochen, ihr helfen zu wollen? Sie formt die Worte ‚Bitte helfen sie mir!‘ im Geiste vor und schreit sie dann heraus:
„SO VERFICKT KALT!“
Die Psychologin wird blass, ihre Stimme klingt gepresst: „Nein, anschreien lasse ich mich nicht! Da musst du noch manches ändern! Ich befürchte, du willst dir nicht helfen lassen …“
Maia weint und ihre Tränen gefrieren, ‚aber das tun sie doch sonst nur in schlechten Gedichten!‘ Die Stimme singt wieder … Eisbär … Polar …

Die anderen Mädchen sehen freundlich aus, sie lachen, sie haben Spaß.
„Hallo, du, Mädchen, hallo! Mädchen, gib mir deine Jacke, mir ist auch kalt und du brauchst die Jacke nicht …“ Warum sagt sie das? Sie hat doch eine Jacke an? Und warum greift sie jetzt an ihre Jacke?
Die anderen Mädchen ziehen Maia aus. Die Jacke, zwei Pullover, T-Shirt, Unterhemd, BH, sie hören nicht auf.
„Heiß ich Sterntaler, oder was?“
Jetzt ziehen sie ihr die Hosen aus, sie steht zwischen den Mädchen, sie ist nackt, ihre Haut wirkt blau.
„Wieso? Geben wir dir Gold dafür?“
Sie lachen, sie gehen weg, Maia erstarrt langsam. Sie hört die Stimme ihrer Psychologin: „Du musst lernen, loszulassen, anders ist kein Fortschritt möglich. Erst, wenn du die Schichten um dich herum ablegst, kommen wir an den Kern heran. Und so sieht das doch schon viel erfolgsversprechender aus.“

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Dieser Beitrag wurde am 14. August 2012 um 15:12 veröffentlicht und ist unter Allgemein abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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