Maia und der Typ mit der Gießkanne

Maia stolpert über eine Wurzel, sie hält sich an dem Baum fest, damit sie nicht umfällt. Einen kurzen Moment hat siedas Gefühl, dass der Baum nachgibt, aber das kann doch nicht sein, oder? Sie schaut sich den Baum genauer an, besser, das Bäumchen, denn da steht noch nicht viel Holz in der Gegend herum. Das Bäumchen wirkt, als ob jemand sein Wachstum gelenkt hätte. Maia tastet nach einem Zweig und erschrickt als dieser sich sanft zu ihrer Hand hin neigt. Sie probiert das an einem anderen Baum in diesem Garten aus, dann an noch einem, und noch einem. Die Bäume hier, so verschieden sie sein mögen, lassen sich von ihrer Nähe irgendwie beeinflussen.
„Genau, ganz sanft, so geht auch nichts kaputt.“ Eine tiefe sanfte Stimme spricht mit ihr. Einen Moment lang hat sie das Gefühl, dass die Bäume nun auch zu sprechen begonnen haben, dann wird ihr klar, wie das klingt, und sie schaut sich um. Da steht ein Typ mit einer Gießkanne. Sehr groß und dick, ein dichter Vollbart und ganz grüne Klamotten an. Maia schaut ihn ängstlich an:
„Was? Ich, äh, ich will auch gar nichts kaputt machen!“
Der Typ mit der Gießkanne geht gar nicht auf ihre Antwort ein, und spricht, als ob sie eine Frage gestellt hätte: „ Man muss sie wachsen lassen.“
Mit behutsamen Bewegungen führt er seine Hände zwischen Ästen und Zweigen, hier und da bewegt sich was, einmal klingt es fast so, als ob ein Baum wohlig aufstöhnt, wie ein Mensch, dem man den Nacken massiert.
„Und dann wachsen sie so, wie sie wollen?“ – „ Nein, sie wachsen, wie ich es will. Schau! Ein bisschen hier schieben, ein bisschen da …“ Hinter ihm öffnen sich Knospen zu Blüten. Sie deutet hin, aber er bemerkt es gar nicht.
„Und das tut ihnen nicht weh? Was ist denn, wenn sie weiter nach oben wollen, und du willst, dass sie seitlich wachsen?“ Er schaut ein bisschen traurig aber in seinen Augen liegt auch Weisheit, besser kann Maia das für sich nicht beschreiben: „Tja, ich denke, ich kenn den richtigen Weg, und es kann sein, dass es manchmal weh tut – aber ich denke, manchmal muss man ein bisschen hier und da weh tun, sonst wachsen sie so, dass sie sich selbst zerstören – das habe ich zu oft gesehen.“ Eine Träne läuft über sein ungleichmäßiges Gesicht und in seinen Bart hinein.
„Ja? Das wusste ich nicht“ Maia will nicht, dass er weint, sie mag den Mann. „Wer bist du eigentlich? Ich bin übrigens Maia!“
Der Mann lächelt auf sie hinunter: „Ich? Ach, ich bin niemand, nur der Typ mit der Gießkanne.“
Mehr wird er ihr nicht sagen. Das spürt Maia. Also fragt sie ihn einfach etwas anderes.
„Schneidest du auch an ihnen rum?“ Sie wartet ein bisschen auf eine Antwort, der Typ mit der Gießkanne steht vor einer ziemlich unscheinbaren blaugrauen Blüte und scheint mit ihr zu sprechen.
„Nein, ich schneide nicht, ich gebe nur die Form vor, nur die Form.“ Er spricht langsam, nachdenklich, und davon abgelenkt, dass er sich dieser einen Blüte ganz speziell widmet, er hat sogar die Gießkanne abgestellt und hält beide Hände an die Ränder. Die Blüte wächst und bekommt ganz neue Farben. Farben, für die Maia keine Namen kennt.
„Und wenn man schneidet?“ Sie spricht leise, ehrfürchtig, aber die Frage muss gestellt sein. Er wendet sich ihr zum ersten Mal wirklich zu:
„Dann bleiben hässliche Wunden!“ – „Und es tut weh?“ – „Und es tut weh!“
Maia spürt die tiefe Traurigkeit in ihr hochsteigen, gegen ihren Willen formuliert sich in ihr noch eine Frage: „Gibt es denn auch einen Mann mit der Schere?“
Der Typ mit der Gießkanne wurde bleich. Er wandte sich ab und murmelte: „Hm, ja, davon gibt es sogar mehr als einen, davon gibt es mehr als man braucht.“
Ein Gewitter zieht herauf, so schnell, wie Maia es noch nie gesehen hat, plötzlich ist eine gelbe Wand aus Regen da, der Typ mit der Gießkanne klammert sich an eines der größeren Bäumchen. Ein Blitz schlägt in der Nähe ein, Maia steht im Regen, der mit großen Tropfen auf sie einprasselt. Sie schreit gegen das Gewitter an:
„Kann dieser verdammte Traum nicht endlich mal enden? Das hält doch keiner mehr aus!“
Plötzlich bewegt sich der Boden unter ihren Füßen, sie springt beiseite, aber das hilft nicht wirklich, da schieben sich Wesen – sind es riesenhafte Ameisen? – aus dem Boden heraus. Sie tritt auf eines, rutscht ab, fällt auf den schon schlammigen Boden. Die Insekten zerren an ihr, betasten sie, tippen und kratzen. Sie merkt, wie sie den Schlamm auf sie schaufeln. Sie ziehen an ihr, zeihen sie in den Boden, in ihre Welt. Draußen steht eine Gestalt, sie schreit, eine kräftige Stimme:
„Komm her, es ist deiner, komm! Sei brav! Braves Mädchen! Maia, bitte! Braves Mädchen!“
Maia schaut herauf und sie würgt. Sie zittert, spürt das Krabbeln überall.
‚Ich werde es nicht nehmen, nie wieder werde ich es nehmen!‘ schreit es in ihrem Kopf, aber sie weiß nicht, was „es“ ist.
Die Gestalt breitet die Arme aus:
„Höre das Wort deines Herrn und nimm, was dein ist!“
Maia freut sich, als die Insekten ihr den Schlamm auch über das Gesicht schieben.

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Dieser Beitrag wurde am 29. August 2012 um 12:18 veröffentlicht. Er wurde unter Allgemein abgelegt und ist mit getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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