Maia – das Ende

Maia fror und weinte, sie stand vor dem Höhleneingang und sie wusste, was von ihr erwartet wurde. Sie ging langsam rein. „Allein“, murmelte sie drei- oder viermal, ohne es selbst wirklich zu merken. Sie wünschte sich, dass jemand bei ihr wäre, aber da war natürlich niemand.
Sie geht zwei, drei Minuten in den Schacht herein, sie weiß, dass das nicht wirklich sein kann, so etwas gibt es in Computerspielen, aber echte Höhlen, die zufällig ziemlich runde Tunnel haben, und eine brauchbare Deckenhöhe? Aber was hilft es ihr, zu wissen, dass sie träumt? Das ist doch auch nur eine weitere Information, die ihr wehtun kann. Sie steigt herab in eine Höhle, in der sie langsam aber sicher nichts mehr sehen kann. Aber irgendwas in ihr weiß, dass sie sehen wird, wenn es wichtig ist. Und sie hat eine Scheißangst davor.
Sie erreicht, tja, was ist es, es ist auf jeden Fall Wasser. Sie taucht ihren Zeh hinein, es ist warm und es ist tief. Sie zieht den Schlafanzug aus, den sie trägt – sie hat seit sie klein war, so zehn oder so, keinen Schlafanzug mehr getragen. Sie hält den Stoff über dem Kopf, damit nichts nass wird. Glücklicherweise kann sie ja keiner sehen, es ist ja dunkel hier drinnen.
Das Wasser, nun, die Flüssigkeit ist angenehm, warm, umschmeichelt sie, aber es ist ein bisschen schwer, weiterzugehen. Es ist dickflüssig, irgendwie. Sie steckt fast bis zum Hals in dem Zeug, es wird irgendwie immer dicker, und sie hat fast das Gefühl, das Hände darin nach ihr greifen, sie festhalten. Der Boden steigt langsam wieder an, das ist ein gutes Gefühl, sie bekommt neue Kraft, sie wehrt sich gegen Hände, die sie festhalten, sie schreit wütend auf, und als sie der „Flüssigkeit“ entkommt, fällt sie fast auf die Nase, so plötzlich ist das. ‚Müsste ich nicht von dem halben Sturz aufwachen?‘
Sie fühlt sich trocken und sicher, nur der Schlafanzug – ‚war ja klar, jetzt muss nur noch der Scheinwerfer angehen, egal, ist ein Traum‘, denkt sie. Fackeln entzünden sich auf beiden Seiten des Weges. ‚Keine Scheinwerfer?‘ Sie ist stehen geblieben, schaut sich um. Neben ihr hört sie eine Stimme:
„Geh weiter Maia, es ist doch nicht mehr weit!“
Das ist Dave. Sie will sich zu ihm drehen, aber er sagt fast streng: „Geh weiter, lass dich nicht von mir ablenken, ich denk an dich, ich halte dich fest, aber nicht hier.“
„Nein, bitte nicht! Ich will nicht noch mehr sehen … ich kann nicht mehr!“ beschwert sich Maia. Aber fast mechanisch geht sie noch zwei Schritte, bevor sie wieder zweifelt, stehen bleibt.
„Ich bin da … vielleicht kann ich dir helfen“, meint Dave, und sie spürt seine Hände, die sie sanft weiterschieben.
„Der Weg ist schwarz, schon wieder schwarz!“ Das stimmt, die Fackeln sind aus. Sie spürt einen Kuss auf ihrer Wange. „Du musst durchhalten, nur noch ein bisschen, geh den Weg weiter … ich helfe dir!“
Sie geht weiter, stolpert über eine – was ist das? – Türschwelle, nein größer, das muss ein große Tor sein, die Türschwelle ist so breit, dass fast ihr ganzer Fuß drauf passt. Als sie einen Schritt weitergeht, das Zimmer, oder wie man Teile von Höhlen benennt, betritt, kommen ihr plötzlich Gestalten entgegen, Leute, die nicht so richtig da sind. Maia kann nicht ausweichen, es sind zu viele, aber sie gehen durch sie durch. Sie hört sie auch, aber so, wie man Sachen aus uralten Filmen hört, auf einem leise gestellten Fernseher. Sie hält die Luft an, bleibt stehen. Sie schließt die Augen – kann man in einem Traum die Augen schließen?
‚War das schon genug? Oder willst du noch weiter gehen?
Wer spricht da in ihrem Kopf? Maia schreit. Es klingt leise und ein bisschen albern. Noch nicht mal das geht.
Dave ist wieder da, und er nimmt sie an der Hand. Das ist gut, sie braucht das jetzt. Licht geht an, rosa! Maia hasst rosa! Und wer steht da? Rosa? Rosa hasst sie auch.
„Oh, wie romantisch, wie süüüß! Wollt ihr euch nicht bei der Hand nehmen? Hand in Hand durchs ganze Land“, Rosa lacht beim sprechen, sie ist noch widerlicher, als Maia sich das bisher vorgestellt hat, „Davey, du meinst das doch nicht ernst, oder?!“
Dave fastt Maias Hand fester. Rosa ist nicht mehr das süße Mädchen, pretty in pink, sie ist ein Geier, Maia wartet darauf, dass sie abhebt und über ihnen kreist: ‚Na, Traum, das wäre doch mal was Neues, oder?‘
Der Traum antwortet nicht, Rosa bleibt auch dort stehen, wo sie steht.
„… was willst du mit Maia? Die weiß doch gar nicht, was sie mit dir anfangen soll.“
„Einfach nicht zuhören“, raunt Dave Maia zu.
„Sie kann mir nicht wehtun, sie nicht!“ Das Beste an dieser Bemerkung, spürt Maia, ist das sie wahr ist. Rosa ist nur eine Gestalt ihrer Träume, eine Vorstellung, die keine Substanz hat. Sie schaut Rosa böse an, und schnippt mit den Fingern. Rosa platzt in hunderte kleiner Plüschherzen, die sich dann aber auf dem Boden in grauen Schleim auflösen.
„Sollen wir den letzten Schritt …?“ Daves Stimme klingt inzwischen auch nicht mehr sehr mutig.
Die Luft beginnt zu glitzern, und Maia ist nicht überrascht, als sie die schöne Stimme hört, die Stimme aus dem Himmelsauto.
„Ja, das solltet ihr tun! Es wird langsam Zeit und der Schlaf ist ja nicht ewig … und irgendwann musst du es doch tun, Maia.“ – „Was tun? Was soll ich tun? Was muss ich tun?!“
Maia weiß die Antwort, als sie sie gemeinsam mit der Stimme ausspricht: „Dich erinnern!“ – „Mich erinnern! Und wenn ich das nicht will? Ich kann das nicht!“
Dave mischt sich ein: „Woran soll sie sich erinnern?“
„Ich kann dir das nicht sagen, und sie will es nicht sagen …“
Maia spürt, wie Dave zurückbleibt. Wann hat sie seine Hand losgelassen? Aber sie kennt die Geschichten ja, sie weiß doch, was passieren muss, den letzten Schritt muss sie alleine gehen. Sie ist doch hier die Heldin, oder? Aber eigentlich ist sie jetzt nur ein kleines Mädchen, dass schlafen will, nur noch schlafen, lange Zeit. Und das letzte, was sie will, ist sich an irgendwas erinnern. Man kann sich doch eh an nichts erinnern, was man geträumt hat, oder?
Jetzt gehen die Scheinwerfer an, aber ob sie was anhat oder nicht, hat Maia schon lange vergessen. Sie steht einfach da, und wartet darauf, dass es weitergeht.
Ein Vorhang hängt an der Wand, es ist nur noch ein einziger. Der Typ im Anzug kommt wieder. Irgendwie war auch der schon zu erwarten, oder?
„Nun, meine liebe Maia, der letzte Vorhang hängt noch, du hast schon so viel gewonnen, niemand wird dir nun böse sein, wenn du jetzt deinen Gewinn nimmst und gehst! Wer weiß, vielleicht ist dieser letzte Vorhang ja die Niete und du hast plötzlich alles verloren. Also brauchst du dich nicht schämen, wenn du jetzt aufhörst. Lass es gut sein!“
Maia fragt sich, ob der Mann auch nur einmal Luft geholt hat.
„Jetzt aufgeben?“
Der Entertainer grinst sie an und nickt. Er grinst so breit, dass sie kurz darüber nachdenkt, ob Menschen so viele Zähne haben können.
„Ach komm, ich tu’s. Ich muss es tun …“
Sie dreht sich zum Publikum, schreit sie an: „Hört ihr, ich tu’s! Lasst es mich einfach tun!“
Sie reißt am Vorhang, er fällt auf sie, hüllt sie für Momente ganz ein, und als sie sich herauswindet, steht sie wieder vor der seltsamen Gestalt in der Höhle hinter ihrem Haus. Sie ist zurück. Wieder gelähmt.
„Komm her, es ist deins, komm!“
Die Gestalt trägt eine Maske, die Maske eines traurigen Clowns, eines Harlekins.
„Sei brav! Braves Mädchen, komm her und nimm!“
Maia geht ein paar Schritte auf die Gestalt zu, sie kann sich wieder nicht wehren.
„Bitte nicht!“ fleht sie. Aber als sie davor steht, da spürt sie Dave bei sich, und die schöne Stimme glitzert in ihr.
Sie holt aus und schlägt der Gestalt die Maske vom Gesicht. Dann wacht sie auf.
Dave ist bei ihr, er ist wach, vielleicht hat sie um sich geschlagen. Erschreckt sieht er, dass Maia die Augen aufgerissen hat, weit aufgerissen.
„Bitte nicht, Papa, bitte nicht mehr!“ sagt sie, und dann weint sie. Dave hält sie fest.

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Dieser Beitrag wurde am 3. September 2012 um 18:17 veröffentlicht. Er wurde unter Allgemein abgelegt und ist mit getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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