Gefallen

Kommissar Schneider stand noch vor der Leiche, als die Frau hereingeführt wurde. Decker, sein Assistent, hatte sie mitgebracht.

„Chef, ich habe Frau …“

„Was?“ unterbrach ihn Schneider schroff.

Decker kam mit der Frau näher, sie wirkte unbeholfen. ‚Kein Wunder, dachte Decker, sie ist schließlich blind!‘ Dann riss sie sich los.

„Sind sie wahnsinnig! Das ist zu nah! Wollen sie mich umbringen?“ Die Frau schrie ihn an. Decker war verblüfft.

„Decker, was denken sie sich dabei? Raus, Sie Idiot!“ Decker hatte seinen Chef noch nie so gesehen, verblüfft und widerstandslos ging er raus. Und er vergaß die Frau.

Schneider war aber noch nicht fertig.

„Und Sie, Frau … Frau …“ Hatte Decker den Namen nicht erwähnt?

„Van Scheer, Tamara van Scheer! Es tut mir leid, Herr Schneider, dass ich sie wohl erschreckt habe.“

„Erschreckt? Es geht hier um Mord, ich … was soll ich denn hier mit Ihnen?“

Sie spürte ein wenig Wut, aber die war nicht richtig, Schneider strahlte eine tiefe Unsicherheit aus, und Trauer. Das war nicht richtig.

„Ich glaube, ihr Assistent hofft, dass ich Ihnen helfen kann. Das Opfer ist dort, richtig?“

Sie zeigte exakt in die Richtung, wo die junge Frau lag, wegen der Schneider hier hin gerufen worden war. ‚Aber sie kann doch nicht sehen? Hatte Decker das nicht erzählt?‘ Bei Ralf Schneider ging gerade eine Menge durcheinander, aber da war er sich einigermaßen sicher.

„Ich spüre die letzten Gefühle, den Schmerz des Todes. Deswegen kann ich auch nicht näher dran gehen. Ich empfinde auch alte Gefühle sehr stark. Sie verlassen die Orte erst nach einiger Zeit.“

Die Frau – hatte sie jetzt ihren Namen genannt, Schneider wusste es nicht – erhob ihre Hände wie Antennen, vermutlich ihre Art von Show. ‚Alles Unsinn!‘ dachte Schneider.

„Zwei Quellen“, murmelte die Frau, „die eine ist, das macht keinen Sinn, sie ist fröhlich, gemischt mit ein bisschen Angst, die andere … ich spüre Bedauern. Einen festen Willen. Das hier ist kein Mord!“

„Hören Sie auf!“ bat Schneider.

Tamara fiel fast um, als sie die Verzweiflung spürte, die vom Kommissar ausging. Er kannte das Opfer.

„Das Opfer war fröhlich, stimmt‘s, Herr Schneider? Es wollte sterben.“

Sie hörte, wie er weinend zusammenbrach. Er hatte das Opfer nicht nur gekannt. Sie war sein … sie spürte nach … Tochter. Konnte das sein?

„Und wer hat ihr den Gefallen getan?“

„Wer?“ Der Kommissar atmete schwer. „Wer hat das getan?“

Seine Ausstrahlung hatte sich geändert.

„Ich weiß nicht, ob ich ihnen helfen kann, Herr Schneider, ich spüre Sie sehr stark, und der Todesschmerz ihrer … Tochter“, er stöhnte auf, „ist beherrschend.“

„Ich muss es wissen! Ich muss wissen, wer meine Tochter auf dem Gewissen hat!“

Sein Zorn lag schwer auf Tamaras Gedanken. Sie wollte ihm sagen, was sie wusste, aber, das war nicht so einfach. Er, sie spürte ihm nach, erschrak, er was außer Kontrolle. Dann spürte sie, wie er sie bei den Schultern fasste. „Nein, au, Sie tun mir weh!“ Das reichte nicht, wie konnte sie ihn beruhigen, doch nicht durch solch lahme Sätze.

„Sagen sie mir, wer es war! Sagen Sie es mir, und dann lassen Sie mich allein, bitte!“ Er rüttelte sie. Er war ihr zu viel, er war zu viel Energie und Wut und Hass und Trauer.

„Die Schwingung ist männlich, er war ihr sehr nahe, er…“ Sie wurde ohnmächtig.
Als sie wieder wach wurde, war Herr Decker bei ihr, mit dem sie sich doch eigentlich nur mal nett über ihre besonderen Fähigkeiten unterhalten hatte, sie spürte seine unruhige Gefühlswelt dünn gegen all die anderen Einflüsse.

„Was ist passiert?“, fragte er, nachdem er ihr Wasser eingeflößt hatte, „Ich hoffe, mein Chef hat sie nicht niedergeschlagen, er rannte nur raus und… naja, sie lagen hier. Und … und die Leiche ist Laura, seine Tochter. Ich weiß nicht …“

Tamara war langsam wieder klar: „Gibt es außer ihrem Chef noch Männer im Leben seiner Tochter? Wissen sie das? Einen Freund, andere Verwandte? Ich glaube, ihr Chef wird gewalttätig, vielleicht wird er jemanden umbringen.“ Jetzt war es raus, jetzt konnte sie hier hoffentlich auch aus dem Raum. „Helfen Sie mir raus, ich kann hier nicht mehr bleiben.“

Decker war einigermaßen in Panik. Sein Chef könnte jemanden umbringen? Wohl kaum, aber die seltsame Dame hatte es gesagt, und sie klang sich verdammt sicher. Er ließ sie bei einem Streifenpolizisten, der einwilligte, sich zu kümmern. Er hörte Frau Vvan scheer unterwegs noch etwas murmeln. „Sie waren sich so ähnlich.“ Und noch etwas „Er hat ihr einen Gefallen getan.“

Decker schüttelte sich unwillkürlich, und rannte zum Wagen. Er holte währenddessen sein Handy aus der Tasche und kaum saß er hinter dem Steuer, da wählte er die Nummer von seinem Chef.

„Decker, sind sie das? Das kann einem verdammt nen Schrecken einjagen, wenn in der Tasche eines Toten das Handy angeht …“ Decker rutschte das Mobiltelefon aus der Hand. Im nächsten Moment klingelte es wieder. Betäubt ging er ran. „Herr Decker, Schneider hier, ich kann meinen Mann nicht erreichen, es ist so schrecklich, unser Sohn …“ Mehr hörte er nicht mehr, die Welt wurde schwarz.

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Dieser Beitrag wurde am 5. September 2012 um 22:14 veröffentlicht und ist unter Allgemein abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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